Trikottausch

Ich war im Spätsommer in einer Kneipe auf Bier verabredet, und reiste die zwei Stationen mit der U-Bahn an. Aus der Station ausgestiegen, erbrach sich jedoch der Wolkenhimmel über die Dächer Dortmunds und jeder, der nicht einbetoniert war, wurde nass bis auf den Schlüpper. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Die 50 Meter zur Kneipe wollte ich mich beeilen, aber dazu musste ich durch den Wasserfall. Ich kam auch an, aber die Verabredung saß fest, weil sie weder einbetoniert noch klitschenass werden wollte. Sie wartete lieber im sicheren Warm des Kinos hinterm Hauptbahnhof.

Ich kehrte also in die Wirtschaft ein und wrang zunächst meine Kleidung auf dem Klo aus. Im Fernseher lief Hannovers Hinspiel der EL-Qualifikation. Schalke verlor Minuten zuvor in Helsinki mit 0:2 – zu diesem Zeitpunkt eine Blamage, die sich einige Tage später beim 6:1 im Rückspiel jedoch als belanglos herausstellte. Zufälligerweise war auch ein guter Bekannter, Borussen-Anhänger, anwesend und es entwickelte sich eine lebhafte Diskussion über die Rivalität, wie so häufig, wenn man im Fußball-Kontext zusammentrifft.

Natürlich wurde gewitzelt. „Null zu zwei in Helsinki! Haha!“, „Wer ist denn schon Helsinki?“, „Da habt ihr euch vom Pukki aber schwindelig spielen lassen!“ hieß es und beschämt konnte ich dem nichts entgegensetzen. Aber die Unterhaltung hatte am Ende auch einen ernsten Anspruch. Es ging zunächst um die Dummheit derjenigen, welche die Rivalität bis auf eine persönliche Ebene erheben und sie als das Maß in allen Kontakten im Ruhrpott sehen. Man gelangte gemeinsam zu der Einsicht, dass der harte, gewalttätige Kern auf beiden Seiten natürlich komplett verblödet sei. Der Bekannte ging hinterher, als es um die wirklichen Fans ging, dann so weit, zu sagen: „Man kann im Grunde bei jedem Einzelnen einfach nur die Farben auswechseln und hätte das gleiche Bild. Lasst Schalker und Dortmunder mal die Trikots tauschen: Bis auf den anderen Ort erkennt man im Verhalten gegenüber der anderen Seite und auch in der Lebensweise keinen Unterschied.“

Was für ein Bild: Nach dem Spiel tauschen die Fans untereinander die Trikots aus und geben einander die Hand, um sich kurz darauf wieder Stadion-Parolen an den Kopf zu werfen. Das ist natürlich ein überspitztes Bild, aber verdeutlicht die Unvorstellbarkeit dieser Aussage. Ich bin nicht mal in der Lage, zu sagen, ob er Recht hat. Einfach, weil ich diese Idee so überaus abstrus finde.

Zum gewalttätigen Kern gibt es übrigens eine kleine alte Doku aus den 80ern im Netz, die die Austauschbarkeit der Farben bei Vollidioten belegt, denn erstaunlicherweise sagen hier alle Beteiligten tatsächlich fast haargenau das Gleiche, nur mit anderen Farben auf der Brust:

Jungejungejunge… Die sehen ja aus, wie unsere Papas früher! Bemerkenswert ist Uwe, „von Beruf Asozialer“. Ebenso einer Erwähnung bedarf der Kameramann, denn hervorragend beschneidet er mit seinem Film-Ausschnitt das Banner der „Borussen-Front“ und macht deren Mitglieder so zu Unterstützern der Sowjetunion im damals noch akuten und bitter Kalten Krieg.

Ich ging dann zu der Verabredung und trank mein Bier im Kino weiter. Ich verzichtete auf das Experiment, beließ es beim Gedankenspiel und behielt meinen nassen, blauweißen Schlüpper doch lieber an, ohne zu fragen, ob die Freundin mir nicht im Austausch ihren schwarzgelben geben wollen würde.

Advertisements

Schlagwörter: , , , , , , , ,

Eine Antwort to “Trikottausch”

  1. Geoffrey Says:

    Super Seite, sehr informativ und schoen gemacht.

Meinung geigen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: