Was Derby aus Menschen macht

Dass das Derby besondere Regeln fürs Spiel auf dem Platz hat wissen wir nicht erst seit der letzten Heimniederlage. Dass auch die Emotionen bei den Fans andere Regeln haben ist eigentlich genau so wenig neu. Für mich war es nach 1996 mit der Mutter – Ingo Anderbrügge, Einsnull in der Einundachtzigsten – das zweite Derby im Stadion. Damals war ich ein kleiner Dötz. Wie meine Mutter da an Karten gekommen sein mag… Ich habe keinen Schimmer. War gut, aber ich erinnere mich nicht sonderlich an Emotionen in der Kurve oder an Drumherum.

Am 14.4. diesen Jahres konnte ich also Sozialstudien anstellen. Wie schon erwähnt in der obersten Reihe, mit bester Sicht. Links neben mir der Vater, rechts neben mir ein altes Ehepärchen, Ende 60. Ich war froh, dass der Mann neben mir saß, denn er pöbelte genau so wie ich, nicht so wie die Reihe Schönwetterfans vor mir. Das hatte ich schon mehrmals wahrgenommen… In den Oberrängen ist die Zahl derer, die Bock auf Singen und Anfeuern haben oft erschreckend gering. Und wo will man singen und schimpfen, wenn nicht beim Derby? Erbärmlich. Nicht so der Herr rechts von mir. Er schimpfte und erzählte Geschichten, sei früher Borusse gewesen, seine Frau habe ihn bekehrt. Das muss aber schon mehrere Dekaden her sein, denn er wusste von Manfred Orzessek zu berichten, der in der Glückaufkampfbahn wohl herausragend gehalten hat, wenn man dem Herrn glauben konnte.

Es gab zwei Premieren, die meinen heimlichen Sozialstudien einiges an Substanz einbrachten:
1.) Ich habe noch nie einen Mann um die 70 mit voller Inbrunst „HURENSÖHNE!“ singen hören. Seine Frau stand daneben und klatschte Applaus. Wohl auch sich selber für die erfolgreiche Bekehrung von vor 50 Jahren, die sie nun endlich für vollendet halten kann, da sie den Beweis neben sich schimpfen hörte.
2.) Ich habe noch nie meinen Vater – zwar nur mit halber Inbrunst, aber immerhin – „Hurensöhne!“ singen hören.

Zeigt entweder: Ich bin älter geworden und die ältere Generation sieht mich als „erwachsen“ an und braucht jetzt vor mir mit bösen Wörtern nicht mehr zu geizen.
Oder: Ältere scheißen beim Derby generell auf Moral, Heilewelt und böse Wörter.
Ich glaube, es ist letzteres. Nein, ich glaube, es ist ersteres. Nein beides.

Das schöne aber am „Hadeehooo BVB“-Gesang: Beide Fanlager können zusammen singen und schämen sich nicht mal dafür. Im Stadion wird es eh ein einziger Brüll-Brei aus NULLNEUN und HURENSÖHNE, so dass ich auch 1996 nichts von alledem verstanden haben dürfte. Da hat die Mutter aber Glück gehabt…

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3 Antworten to “Was Derby aus Menschen macht”

  1. Marcel Says:

    auch beim „schaaalke… schaaaalke… schaalke nuuuull vieeiee ieer“ können beide fanlager zusammen singen 😀 da wird es der brei aus scheiße und schalke… 🙂

  2. Carlito69 Says:

    Schöne Sozialstudie! 😉

  3. Fundstück | Der gemeine Schalker in Dortmund Says:

    […] Ein sehr schönes Video über Ingo Anderbrügge, den Derbyhelden von 1997. Das Tor hab ich sogar live gesehen. […]

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