Hintergrundrauschen

Nun ist der Zirkus auch vorbei und ich frage mich die ganze Zeit, was es war, das mir die ganzen dreieinhalb Wochen die Spannung am Turnier geraubt hat. Im Viertelfinale war ich kurz davor, voll drin zu sein. Im Halbfinale stagnierte das Ganze schon wieder. Irgendwie trist.Mag sein, dass es seit nun 6 Jahren immer der gleiche Ablauf ist, der einem auf den Senkel gehen kann: Turnierbeginn, die Diskussion: „Ich bin jetzt soo stolz Deutscher zu sein“ – „Du Nationalist“ – „Ich bin doch kein Rassist, ABER…“, der Kausalzusammenhang Sieg/Autokorso, Suffmenschen in der Stadt, wie beim Karneval.
Dieses Jahr sind noch so einige andere Dinge dazugekommen, die das Spektakel für mich jeglicher Ernsthaftigkeit beraubt haben. Allen voran die UEFA-Weltregie, die ja nicht nur Aufgezeichnetes als live verkaufen wollte, sondern mit Anstoß-Countdown, Laola-Animateuren, ZDF-Fernsehballett vor jedem Spiel auf dem Rasen und mit hippem Corporate Design (UEFA EURO 2012™) eine erstklassige Inszenierung lieferte, ohne dem Zufälligen, dem Unberechenbaren eine Chance zu lassen. Verwirrend, dass Michel Platini sich im Anschluss gegen eine Torlinien-Kamera ausspricht, die dem Zufälligen und Unberechenbaren gerade an den wenigen Stellen, wo sie beim Fußball unerwünscht sind, Raum lässt. Tore fallen zu zufälligen Zeitpunkten und oft unverhofft. Das hinterlässt den Eindruck, als wolle man ein Kontroll-Monopol nicht dem Zufall überlassen, als wolle man Dinge im Hintergrund planen können, um zu einem gewünschten Ergebnis zu kommen. Verwirrend auch dieser unsagbare und für die Außenwelt undurchsichtige Gruppen-Modus, durch den die ein oder andere Mannschaft auf bescheuertste Weise das Turnier beenden musste. Ich kann ihn schon gar nicht mehr rekonstruieren.
Die UEFA zeigte auch lieber aufgetakelte und verkleidete Models aus der Ukraine statt stimmungsmachende größere Fangruppierungen (die es eh nur aus England, Irland, Deutschland und den Niederlanden gab), leere Sitzplatz-Blocks, größere Banner oder gezündete Bengalos. Das wird hübsch ausgeblendet, damit der Alle-zwei-Jahre-Schönwetter-Fan auch bloß nicht auf die Idee kommt, so etwas gehöre zum Fußball dazu. Der könnte ja hinterher noch Angst bekommen und sich als Kunde abwenden, statt das Popcorn-Erlebnis Europameisterschaft zu genießen und mit allen (finanziellen) Mitteln zu unterstützen.
Mehr und mehr bekomme ich das Gefühl von Heilewelt-Plastik, wenn ich mir ein EM-Spiel anschaue und mehr und mehr habe ich das Gefühl, dass mehr und mehr Leute dafür blind werden. Das Spiel an sich wird an so einem Abend zum Hintergrundrauschen, das die deutsche Mannschaft leider nicht lauter drehen konnte, obwohl sie sehr schöne Auswärtstrikots hatten. Und Höwedes hat ja auch keine Rolle gespielt.

Ich bin wirklich wirklich froh, dass der Zirkus, der so langweilig wie nie zuvor war, vorbei ist und man sich nun auf die neue Bundesliga-Saison freuen kann. Gleichzeitig bekomme ich aber ein bisschen Angst, dass der DFB merkt, wie man mit Fußball noch mehr Geld verdienen kann und aus der Bundesliga ein ebensolcher Zirkus mit Ballett und Popcorn werden könnte. Aber eigentlich bin ich mir sicher, dass Fußballbundesligadeutschland traditionell genug eingestellt ist, um das nicht zuzulassen.

Die Blog-Pause ist zu Ende! Am Wochenende ist Trainingsauftakt. Die neue Saison startet für den S04 und ich wünsche allen eine spannende und schöne Saison mit tollen neuen Begegnungen, Freundschaften und spannenden Spielen. Ich freue mich auf neue Gesichter, auf die Champions League (trotz extremer Zirkus-Gefahr!), meine ersten Auswärtsfahrten und abermals tolle Heimspiele in unserer geliebten Arena auf Schalke. Jetzt auch endlich wieder mit Blog!

Glück auf!

P.S.: Wer diese Seite besucht und ebenso wie ich als Schalker in Dortmund wohnt, kann ja die dazugehörige Facebook-Gruppe aufsuchen und sich dort anmelden. Nach einer kurzen Mail lasse ich jeden dann ziemlich schnell in der Gruppe zu.

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3 Antworten to “Hintergrundrauschen”

  1. T.ausDo Says:

    Interessant, wie hier das Turnier wahrgenommen wurde. Ich war eine Woche in Kharkiv vor Ort, habe zwei Spiele besucht und sage, es war großartig! Unglaublich, wie offen die Leute waren und wie sehr sie sich über den Besuch der FußballFans gefreut haben. Natürlich war es auch ein großes Event (die PartyHolländer…), aber es war ein schönes: Fußball und Völkerverständigung. Und die deutsche Mannschaft hat sich wirklich überall auf der Welt einige Bewunderer erspielt.
    Vielleicht ist es ja doch die richtige Strategie, die Austragung nicht an „die Großen“ zu vergeben sondern weniger saturierte Regionen zu berücksichtigen.
    In diesem Sinne freue ich mich auch eher auf Fahrten nach Montpellier als nach Paris, Udine statt Mailand, Brügge statt Brüssel, nach Breslau oder Maribor. Metalist Kharkiv spielt ja leider „nur“ Europa Liga…

    • Benjamin Says:

      Das ist natürlich auch ein komplett anderer Blick, den ich ungeheuer gerne auch miterlebt hätte. Aber die ganze Geschichte wird nach außen hin so eigenartig verklärt, dass der Eindruck von Plastik entsteht. 😦

      • T.ausDo Says:

        In Bezug auf unseren S04 war ich beeindruckt, dass die Fußballinteressierten vor Ort mit Schalke auch sofort die Stadt Gelsenkirchen in Verbindung gebracht haben und die halbe Mannschaft benennen konnten. Die Stürmer des FC Metalist, über die sie stolz berichteten, kannte ich hingegen leider nicht…

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