Licht und Schatten

Man kann sich denken, wie heute morgen das Brot geschmeckt hat. Das war wirklich eines der schönsten Stadion-Erlebnisse, die ich je hatte. An 1996 kann ich mich nicht mehr so gut erinnern, aber das war auch Derbysieg zu Hause. Gestern, das war der schönste Sieg der Saison, auswärts im Derby, und ich durfte dabei sein. Mein Tipp/meine Hoffnung ging genau auf. Zweieins im Pumakäfig. Wat schön. Aber schön lecker der Reihe nach…

Zu zweit haben wir uns mit nem kleinen Umweg zum Stadion aufgemacht, mussten aber die Hohe Straße überqueren. Und genau in dem Moment, fing die Polizei an, die Straße abzusperren, weil auf dieser aus Richtung Innenstadt die marschierende Truppe der BVB-Ultras ankam. Bei der schieren Masse war uns schon etwas mulmig, was die paar Polizei-Figürchen nicht wirklich mindern konnten. Da brauchte es erst mal einen Moment, um so weit zu denken, dass man uns lediglich an der Biermarke hätte ansehen können, in welchen Block wir gerade unterwegs waren. Der Rest des Weges war unerwartet einfach. Bierchen am Bierwagen. Meinen Jutebeutel musste ich abgeben, wie man uns an der Kontrolle sagte. Dazu mussten wir quer durch die schwarzgelben Menschen, bis zu einem Pavillon. Ab in den Block, zwei Stunden Zeit. Alles friedlich.

Dann die ersten SMS von befreundeten Schwarzgelben, dass es Kloppereien gab, scheinbar ausgehend von S04-„Fans“. Habe leider keine genauen Berichte und weiß also nicht, wer inwiefern beteiligt war. Ich werde es wohl nie verstehen. Im Stadion rumbrüllen ist das Eine. Das macht Spaß. Den Tod wünsche ich aber auch da niemandem. Das gruselt mich, wenn es aus hunderten oder tausenden Kehlen gebrüllt kommt. Bannerklau und Pyro diskutiere ich hier mal nicht. Nach Abpfiff dann der Jubelschrei, aber der möglichst flotte Aufbruch zum Pavillon nach ein paar Minuten der Feierei. Auch jetzt wieder mussten wir quer durch die strömenden Schwarzgelben. Direkt am Ausgang zunächst ein freundlicher Glückwunsch von einem jungen Kerl. Seine Freunde, die ankamen, waren schon kritischer unterwegs, fingen an die Kloppereien von vor dem Spiel anzuprangern. Natürlich steht „Vereinskultur“ für Zusammengehörigkeit und Loyalität. Aber -meinen- Verein lebe ich durch Gewaltlosigkeit aus. Da stehe ich absolut nicht hinter! Und dann kommen irgendwelche Superhirne daher und münzen diese Gewalt trotzdem auf einen um, ohne vorher auch nur mal nachzufragen?

Dann kurz vor dem Pavillon zog ich meine knallgrüne Jacke allmählich wieder übers Trikot. In dem Moment kommt von hinten ein Stoß, der mich aus dem Gleichgewicht bringt und fast umwirft. Ich drehe mich um und sehe nur Weißes im Auge. „Verpiss dich, blöder Wichser!“
Ich lächle kurz und denke mir nur: „Würde ich, wenn du mich denn lässt.“
Statt es zu sagen gehe ich einfach weiter. In der kurzen Schlange an dem Pavillon vor mir dann eine Gruppe von Heimfans. Ich suche im Portemonnaie nach meinem Zettelchen für die Tasche und höre schon das Rotzgeräusch. Zum Glück war der Verursacher zu besoffen, um mitzubekommen, dass ich seine Rotze von meinem Kopf wieder an seinem Trikot abgewischt habe. Als der komische Knubbel weg war, sprach sein Kumpel zu mir: „Also, ich kann Schalke ja auch nicht leiden, aber das muss ja nun auch nicht sein.“ Patrick, der vorne gewartet hat, wusste ähnliches zu berichten, nur dass sich da auch noch die Ordner drüber gefreut haben. Als man dann seine Joppe drübergezogen hatte, war natürlich nichts dergleichen mehr passiert und wir konnten nach Hause.

Wir mussten uns schon ein bisschen beruhigen. Innerlich haben wir gekocht. Nicht, weil wir zurückkloppen oder -rotzen wollten, sondern weil es einfach so sinnlos war und man in der Situation keine Chance hatte, irgendwie Deeskalation zu betreiben. Da geht einfach gar nichts. Man kommt nicht ran.
Anders aber kamen von vielen Freunden Glückwunsch-SMS, mit denen ich eigentlich nicht gerechnet habe. Auch die Mannschaft des Gegners hat sich erstaunlicherweise ganz vernünftig geäußert. Respekt an Klopp, dass er die Leistung der Mannschaft auf seine Entscheidungen zurückführen konnte. Das hat er nicht immer gemacht.

Traurig, dass so ein schöner und wirklich guter Sieg von solchen Dingen überschattet wird. Es sind noch mehr Kleinigkeiten passiert, vor allem im Facebook, aber die will ich gar nicht mehr erwähnen. Vielmehr freue ich mich einfach, dass so ein Ereignis wie eine Derbyniederlage bei mir und vor allem bei meinen engen Freunden solche Dinge noch nie hervorgerufen hat.

Einfach Fußball schauen gehen ist wohl nicht drin. Dafür ist man nun um einige Wahrheiten schlauer.

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3 Antworten to “Licht und Schatten”

  1. T.ausDo Says:

    Schalke gewinnt überlegen und ich kann mich nicht mal richtig freuen. Es war nur noch krank, was hier in der Stadt abging. Von BEIDEN Seiten. Überall große Gruppen aggressiv auftretender Leute in der Stadt, Wasserwerfer im Einsatz, Dortmunder die in der eigenen Stadt die Gaststätte eines TennisClubs zerlegen um Wurfgeschosse für die Schalker zu bekommen. Das alles vor dem Spiel. Während des Spiels präsentieren die Schalker dann wieder mal ein geklautes Banner der Dortmunder, so dass alle komplett durchdrehen und vermummte Gruppen quer über die Tribünen rennen. So langsam vergeht mir die Lust.
    Gut, dass ich mich entschieden habe, nicht ohne Karte zum Stadion zu gehen und statt dessen das Spiel zu Hause im Netz zu gucken.

    Ach, und dann werden nach dem Spiel bei unserem Auto noch beide (!) Nummernschilder abgerissen. War die falsche Zahlenkombination drin. Krank. Asozial. Bescheuert.

    Na, trotzdem sollte man sich über die fünf Punkte Vorsprung vor Schwarz-Gelb freuen. Bei der aktuellen Mannschaft habe ich echt ein gutes Gefühl, die könnten was reißen. Wenn nur nicht die Bajuwaren so stark wären… Und morgen früh dann nach zwei Wochen mit dem Siegerlächeln der Chefin mit der BvB-Dauerkarte gegenüberstehen!

  2. Die Blogschau für Montag, den 22.10.2012 | Fokus Fussball Says:

    […] “Gemeine Schalker” berichtet von Erlebnissen rund um das Derby. Fangewalt muss nicht immer mit Fäusten […]

  3. Selber schuld! « Der gemeine Schalker in Dortmund Says:

    […] Blauweiße Geschichten, Meinungen und Berichte aus der anderen Stadt « Licht und Schatten […]

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