Die kleine Schwester

Frage: Was bleibt von unserer Rivalität, wenn man den Fußballverein aus dem Schalke-Dortmunderischen Gegensatz herauslässt?

Es ist ja immer wieder das gleiche. Das Derby naht, die Medien kochen sicher schon ihr Derbysüppchen und ohnehin wird man allenthalben gefragt, wie schlimm das denn als Schalker in Dortmund so ist. Ob man da nicht gefährlich lebe.
Es ist dann immer wieder das gleiche. Ich erkläre mich. Und den Umstand.

So schlimm isses nich, hachja, Idioten gibt es ja überall, mir passiert eh nix.

In der letzten Zeit ist zwar mir nix passiert. Aber mit meinem Leben durchaus. Mittlerweile ist die Nationalelf Weltmeister. Ich bekomme Gänsehaut, wenn ich André Schürrles Lauf und Mario Götzes Siegtreffer wieder und wieder anschaue und immer wieder die 10 Minuten vor dem Abpfiff laufen lasse. Geiles Tor, legendärer Kommentar, toller Moment, zurecht Tor des Jahres 2014. Man sagte mir außerdem, ich wäre so ernst geworden. Ist natürlich Quatsch. Aber definitiv bin ich etwas ernsthafter geworden. Ist ja was anderes: Man nimmt sich und andere und die Welt um einen herum ernster. Finde ich gut. Jedenfalls…

Ich komme stark ins Grübeln, nachdem ich mich und den Umstand erklärt habe. Eigentlich sind wir im Pott uns gleicher, als dem einen oder anderen lieb ist. Beide Städte leben den Fußball mit Leib und Leben. Gut, Dortmund hat ne Uni und mehr Einwohner. Demnächst auch ein DFB-Fußballmuseum. Die Stadt nimmt viel Geld in die Hand, um ehemals schäbige Ecken aufzupolieren. Wenn man die Fußballvereine und den Hass der Spackos an sich mal von den Städten abzieht: Was bleibt da eigentlich an Unterschieden noch übrig?

Nichts.

Nichts Weltbewegendes zumindest. Zwei Fast-Nachbarstädte in friedlicher Koexistenz. Die Frage, die ich stelle: Gäbe es zwischen den Menschen auch ohne Fußball so einen Gegensatz? Ich für meinen Teil lebe auch mit Fußballvereinen sehr friedlich und glaube, dass sich daran auch nie etwas ändern wird. Und im Grunde ist der Fußball ja auch immer nur Gelegenheit um sich gegenseitig freundschaftlich zu necken. Ich liebe das. Hier ne Spitze, da ein wenig Mitgefühl und man ist sich näher. Ist wie Türkisch lernen in der Dortmunder Nordstadt. Hilft nur. Es gibt jedoch immer wieder Menschen, die Unsympathien tatsächlich mit nem Fußballverein begründen.

„Jajaa, und im Facebook pöbelst du eh immer nur dumm gegen Borussia.“

Erstens Nein. Und zweitens. Wenn das deine Begründung für Abneigung ist, dann bleib bitte abgeneigt. Wenn der Fußball weg wäre, würde man sich nicht mehr und nicht weniger mögen. Der Fehler, den manche machen, ist die Verknüpfung von Lieblingsfußballklub mit persönlicher Abneigung. „Ihr seid halt alle anders.“ Klar, so wie alle sind wir alle anders. So wie die in Dresden derzeit auch von den bösen anderen reden, wenn sie Montags auf den Straßen spazieren. Aber: Sind das alle Dresdener? Es ist so erbärmlich, sich bei Konflikten und Denkweisen auf den angehörigen Fußballklub zu berufen, der nichts anderes als unterschiedliche Farben und vielleicht eine andere Wirtschaftsweise pflegt. Mit der man als der kleine Mann aber nun ziemlich wenig zu tun hat. Achso, ja: Und die ewige Salatschale natürlich. Geschenkt. Aber sonst? Die ungeliebte kleine Schwester, die man irgendwie miterzieht. Irgendwie guckt man gerade auf die Tabelle und meint: „Hab ich doch gesagt,“ mit dem jovialen Unterton, es besser zu wissen. Eben so, wie man es auch immer besser wusste als die kleine Schwester.

Fußball ist wie der Weihnachtsmann ein gedachtes Konstrukt, eine in Köpfen entstandene, zugegebenermaßen wunderschöne Struktur, mit Gegensätzen und Widersprüchen, definitiv. Der gemeinsame Nenner mit der anderen Stadt besteht allerdings! Traditionsreicher Fußball in Arbeiterkultur. Man malocht, um im Team was zu erreichen. Voll geil. Auf keinen Fall erzeugt dies genug Differenz, um in einer Art Ersatzrassismus Tod und Hass zu fordern. Der gemeinte Gegensatz besteht da eher zu anderen an dieser Stelle nicht genannten Klubs mit namhaften Sponsoren. Ihr wisst. Was wohl wäre, wenn Gelsenkirchen neben einer Autostadt läge… Vermutlich auch nichts anderes: Für mich der Anlass zu Neckereien mit vielen Freunden. Für manche der Anlass, um Tod und Hass zu fordern und von nichts als „den anderen“ zu sprechen. Dummheit besteht halt auch über den Fußball hinaus. Gedankenspiel. Unterschiede gibt es. Aber irgendwo ist echt mal gut. Ich konnte die Kölner Gästefans nicht leiden. Nicht, weil sie Kölner sind, sondern weil sie sich kacke benommen haben. Im Sinne des Wortes. Ich kann einen Haufen Menschen nicht leiden. Dortmunder, Gelsenkirchener… Ich bin diese Stigmatisierung durch andere Fußballvereine aber so was von leid!

Fußball ist der geilste Klub der Welt. Natürlich sind nicht alle Freunde, irgendwo aber Geschwister im Geiste, als töte nicht deine Schwester!

Vieles wirr, aber einiges sehr klar. Vor allem eines: Der gemeine Schalker in Dortmund lebt und hat Hunger! Glück auf!

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2 Antworten to “Die kleine Schwester”

  1. #Link11: Montag | Fokus Fussball Says:

    […] sich Sorgen machen (kickwelt) + + + Dortmund: »Vieles wirr, aber einiges sehr klar« beschreibt der gemeine Schalker in Dortmund + + + Straßenumfrage: »Erinnern Sie sich noch an die fünfte Runde des FA-Cups 1967?« – »Ja, […]

  2. Carlito Says:

    Rivalität ja, Hass nein. Schöner Beitrag!

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