Hachduje! In Dochstfeld?!

Der gemeine Schalker. Soso. Jaja. Da war doch was. Stimmt.

Ich bin mittlerweile ein etwas anderer geworden. Seit Mai werde ich zum Lehrer für Gymnasium und Gesamtschule ausgebildet. Das ist eigentlich der Hauptgrund fürs lange Ausbleiben von Nachricht aus der anderen Stadt. Aber mit mehr Routine im Arbeitsalltag kommt auch mehr Spielraum für andere Dinge, so dass ich das nun wiederbelebe und wenigstens alle paar Wochen mal berichte, was mir so widerfährt.

Es ist ein Abenteuer! Ich bin an einer Gesamtschule im Dortmunder Stadtteil Dorstfeld. Dem ein oder anderen, der sich mit der Neonazi-Szene ein wenig auskennt, dürfte der Ortsteil ein Begriff sein. Den anderen sei gesagt: Es ist die Nazi-Hochburg im Westen Deutschlands. An meiner Schule bekomme ich davon nicht viel mit. Bis auf die „Ey du Opfa, du Jude, du Türke, du Kurde, deine Mutta!“-Sprüche, die auf den meisten Schulhöfen vorkommen dürften, ist von Rassismus oder Nationalem Widerstand oder Autonomerm Nationalismus und wie die Ismen nicht alle heißen, wenig zu spüren. Die Schule ist dafür auch viel zu bunt.

Und natürlich durch und durch Schwarzgelb. Überall Schüler-Utensilien in den anderen Farben. An die habe ich mich natürlich in dieser Stadt eh schon gewöhnt. Aber, man mag es nicht glauben! Im Kollegium (rund 60 Lehrkräfte) sitzen zweieinhalb andere Schalker, mehr oder weniger leidenschaftlich. Seit Mai gibt es da mehrere emotionale Hürden zu bewältigen.
Erstens: Sage ich den Kollegen, dass ich Schalke bin? Das war leicht. Passiert halt im Gespräch. Ist ja keine Krankheit. Aber ansteckend. Wir tippen jede Woche. Schalkedortmundgladbach. Und allein meine Tipps verraten mich.

Zweitens (und viel schwieriger!): Wie gehe ich diesbezüglich mit meinen Schülern um? Es sind mittlerweile an die 100 Schüler, die ich jede Woche regelmäßig vor mir habe. Ab und an kommt man hier und da ins Plaudern. Vor, während oder nach einer Stunde, bei der Pausenaufsicht. Doch das Problem ist: Für viele Schüler ist Fußball von Haus aus zum Ersatzrassismus geworden. Wenn man als Autoritätsperson auftreten soll, ist es problematisch, zu schnell zu offenbaren, dass man beim anderen Verein ist. Ganz einfach deshalb, weil die Kids das von zu Hause eingeimpft bekommen. Schalke ist scheiße. Wer Schalke mag, ist scheiße. Da bestehen Vorurteile der schlimmsten Sorte. Und diese zu überwinden – zusätzlich zur Tatsache, dass man es in Dorstfeld mit zahlreichen Problemschülern zu tun hat, die erst mal relativ wenig Wert auf ein von Anfang an gutes Schüler-Lehrer-Verhältnis legen, sondern Grenzen ausprobieren und mit dem Lehrer Kalter Krieg spielen wollen – ist nicht unkompliziert. Einfach den Blog hier zeigen is nich. Hier wird ja auch schon mal geschimpft.
Man muss zunächst Grenzen im Alltag überwinden. Die Schüler müssen merken, dass man ihnen nichts Böses will und man im Grunde ganz gut drauf ist, auch wenn man anders ist als die ganzen Furzknoten, die einem da den Tag vermiesen wollen.  Woche für Woche dürfte das Thema unproblematischer werden. Nur der nervige Arbeitsverweigerer mit Südtribünen-Dauerkarte aus der siebten Klasse mit den Fanclubshirts… Der dürfte schwierig zu überzeugen sein, dass der Typ da vorne in Ordnung ist, obwohl er Schalke ist. Der mag mich ja jetzt schon nicht.

Jetzt kommen die Herbstferien. Schade, dass das Derby in den Ferien liegt. Die Schülerschaft auszufragen und zu beobachten wäre überaus spannend gewesen. Irgendwie ist das ein spannendes Geheimnis.

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7 Antworten to “Hachduje! In Dochstfeld?!”

  1. Link11: Offensiver “Joyride” der Nationalelf | Fokus Fussball Says:

    […] zu resümieren. Das Papierkugelblog sinniert über Werder, Anygivenweekend über den BVB und der Gemeine Schalker über […]

  2. Carlito Says:

    Bin gespannt, wie die Geschichte bzw. die Entwicklung weiter geht. Hoffe und denke, es wird weiter hier dazu was zu lesen geben! 😉

  3. andres Says:

    Edit: Gelöscht. Danke für diesen gehaltvollen und passenden Beitrag.

    • andres Says:

      sorry, wenn da was falsch angekommen ist
      war freundlich gemeint

      • herrwilhelm86 Says:

        Okay, war leicht missverständlich. 😉
        Danke für die Richtigstellung!

        Originalbeitrag von andres:
        genau, Ventil ist ein gutes Stichwort
        Sollen sich die Lümmels ruhig über Deinen ‚Looser’verein auslassen. Dann ist der Dampf vielleicht raus und der Kopf frei für den Unterricht

Meinung geigen

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